Gendermedizin: Warum das Geschlecht in der Kardiologie eine Rolle spielt

Gendermedizin, oder geschlechtersensible Medizin, ist ein moderner medizinischer Ansatz, der die biologischen und psychosozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Prävention, Diagnose und Therapie von Krankheiten systematisch berücksichtigt. Lange Zeit galt in der Medizin und der Wissenschaft der männliche Körper als Standard, was dazu führte, dass die besonderen gesundheitlichen Bedürfnisse und Krankheitsverläufe bei Frauen oft übersehen wurden. In unserer kardiologischen Praxis ist die Gendermedizin kein Nischenthema, sondern ein integraler Bestandteil unseres Anspruchs, eine präzise, personalisierte und fortschrittliche Herzmedizin für alle unsere Patientinnen und Patienten zu praktizieren.

Was bedeutet Gendermedizin in der Praxis?

Bei der Gendermedizin geht es nicht darum, Männer und Frauen grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln, sondern darum, ihre jeweiligen biologischen und physiologischen Eigenheiten zu kennen und in die medizinische Entscheidungsfindung einzubeziehen. Dies führt zu einer besseren und individuelleren Medizin für alle. Die Unterschiede betreffen nicht nur die Fortpflanzungsorgane, sondern praktisch alle Organsysteme, insbesondere das Herz-Kreislauf-System.

Dieser Ansatz bedeutet konkret:

  • Anerkennung unterschiedlicher Symptome: Krankheiten können sich bei Frauen anders äußern als bei Männern.
  • Berücksichtigung unterschiedlicher Risikoprofile: Bestimmte Risikofaktoren haben bei Frauen eine andere Gewichtung als bei Männern.
  • Anpassung von Therapien: Medikamente können bei Frauen anders wirken und andere Nebenwirkungen haben.
  • Differenzierte Interpretation von Diagnostik: Normwerte von Laborparametern oder bei bildgebenden Verfahren können sich unterscheiden.

Die Anwendung der Prinzipien der Gendermedizin ist ein Qualitätsmerkmal einer modernen, aufgeklärten und patientenzentrierten Versorgung.

Gendermedizin am Herzen: Typische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Nirgendwo sind die Erkenntnisse der Gendermedizin so relevant wie in der Kardiologie. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen nach wie vor die Todesursache Nummer eins, dennoch werden sie oft später und seltener diagnostiziert als bei Männern. Dies liegt auch daran, dass sich die Erkrankungen unterschiedlich manifestieren.

Schlüsselbereiche mit relevanten Geschlechtsunterschieden in der Kardiologie:

  • Symptomatik bei KHK und Herzinfarkt: Frauen zeigen häufiger „atypische“ Symptome, die nicht sofort an das Herz denken lassen.
  • Art der Gefäßerkrankung: Frauen leiden häufiger an Erkrankungen der kleinen Herzkranzgefäße (mikrovaskuläre Dysfunktion), die in einer Standard-Herzkatheteruntersuchung oft nicht sichtbar sind.
  • Wirkung von Risikofaktoren: Diabetes mellitus oder Rauchen erhöhen das relative Risiko für eine Herzerkrankung bei Frauen stärker als bei Männern.
  • Nebenwirkungsprofil von Medikamenten: Frauen berichten häufiger über Nebenwirkungen bei gängigen Herz-Kreislauf-Medikamenten, was eine sorgfältige Dosierungsanpassung erfordert.
  • Autoimmun-Aspekte: Autoimmunerkrankungen, die häufiger bei Frauen auftreten (z.B. Lupus, rheumatoide Arthritis), sind mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen verbunden.

Die Gendermedizin und der Herzinfarkt: Andere Symptome, andere Risiken

Das klassische Bild des Herzinfarkts – ein Mann mittleren Alters, der sich mit starkem Brustschmerz an die linke Brust fasst – ist medial stark verankert, aber leider nur die halbe Wahrheit. Frauen erleben einen Herzinfarkt oft völlig anders. Die Unkenntnis dieser Unterschiede kann zu einer lebensgefährlichen Verzögerung der Diagnose führen.

Vergleich der Herzinfarkt-Symptome

Die folgende Tabelle stellt die klassischen und die bei Frauen häufigeren Symptome gegenüber. Es ist wichtig zu betonen, dass auch Frauen klassischen Brustschmerz und Männer atypische Symptome haben können.

Symptom

Typische Beschreibung bei Männern

Häufige Beschreibung bei Frauen

Brustschmerz

Oft als vernichtend, stark drückend oder einschnürend hinter dem Brustbein beschrieben.

Kann fehlen oder wird als Druck, Unwohlsein oder Engegefühl empfunden.

Schmerzausstrahlung

Klassisch in den linken Arm, den Kiefer oder den Rücken.

Häufiger Ausstrahlung in den rechten Arm, zwischen die Schulterblätter, in den Oberbauch oder Nacken.

Begleitsymptome

Kalter Schweiß, Blässe, Angst.

Starke, unerklärliche Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Kurzatmigkeit, Schwindel.

Allgemeines Gefühl

Oft als klares, dramatisches Ereignis wahrgenommen.

Wird oft fälschlicherweise als Magenverstimmung, Grippe oder reine Erschöpfung fehlinterpretiert.

Das Wissen um diese Unterschiede ist ein zentraler Aspekt der Gendermedizin und kann Leben retten. Bei jedem unklaren, plötzlich auftretenden starken Beschwerdebild im Oberkörper, das von Übelkeit oder Atemnot begleitet wird, muss bei Frauen auch an einen Herzinfarkt gedacht werden.

Gendermedizin in der medikamentösen Therapie

Frauen und Männer unterscheiden sich in Körpergewicht, Fett- und Muskelanteil sowie in der Aktivität bestimmter Leberenzyme. All dies beeinflusst, wie ein Medikament im Körper aufgenommen, verteilt und abgebaut wird (Pharmakokinetik) und wie es wirkt (Pharmakodynamik).

In der Kardiologie bedeutet dies, dass bei der Verordnung von Medikamenten die Prinzipien der Gendermedizin beachtet werden müssen:

  • Dosierung: Frauen benötigen aufgrund ihres oft geringeren Gewichts und anderen Stoffwechsels möglicherweise eine niedrigere Dosis bestimmter Medikamente, um die gleiche Wirkung bei weniger Nebenwirkungen zu erzielen.
  • Nebenwirkungen: Bei einigen Medikamenten, z.B. bestimmten Diuretika oder ACE-Hemmern, berichten Frauen häufiger über Nebenwirkungen. Ein geschlechtersensibler Ansatz nimmt diese Berichte ernst und sucht aktiv nach verträglicheren Alternativen.
  • Hormoneller Status: Der weibliche Hormonzyklus oder die Menopause können die Wirkung von Herz-Kreislauf-Medikamenten beeinflussen.

Unser Ansatz: Wie wir Gendermedizin in die Behandlung integrieren

In unserer Praxis ist Gendermedizin kein theoretisches Konzept, sondern gelebter Alltag. Dr. Raphael Bruno und sein Team sind für die geschlechtsspezifischen Unterschiede sensibilisiert und integrieren dieses Wissen in jeden Schritt der Patientenversorgung.

  • Aufmerksame Anamnese: Wir hören genau zu und nehmen auch „atypische“ Beschwerden, wie sie bei Frauen häufiger sind, ernst und ordnen sie korrekt ein.
  • Differenzierte Diagnostik: Wir wissen, dass ein unauffälliges Belastungs-EKG oder ein unauffälliger Herzkatheter bei Frauen eine Herzerkrankung nicht immer sicher ausschließt, und ziehen bei Bedarf weiterführende Diagnostik in Betracht.
  • Individualisierte Therapie: Wir passen die medikamentöse Therapie nicht nur an das Krankheitsbild, sondern auch an das Geschlecht, das Alter und die Begleiterkrankungen an, um die beste Wirksamkeit bei der geringsten Nebenwirkungsrate zu erzielen.

Dieser Ansatz ermöglicht eine präzisere und damit bessere Medizin für alle.

Häufige Fragen zur Gendermedizin

Hier beantworten wir häufige Fragen zu diesem wichtigen und modernen Feld der Medizin.

Ist Gendermedizin das Gleiche wie Frauenheilkunde (Gynäkologie)?

Nein, überhaupt nicht. Die Gynäkologie ist das Fachgebiet, das sich mit den weiblichen Geschlechtsorganen und der Geburtshilfe befasst. Die Gendermedizin ist ein Querschnittsfach, das sich mit den Geschlechtsunterschieden in allen medizinischen Disziplinen – von der Kardiologie über die Onkologie bis zur Neurologie – beschäftigt.

Profitieren auch Männer von der Gendermedizin?

Ja, absolut. Gendermedizin bedeutet nicht nur „Medizin für Frauen“. Sie deckt auch Krankheiten auf, die bei Männern häufiger oder anders sind (z.B. Bauchaortenaneurysma), oder untersucht, warum Männer bei bestimmten Erkrankungen eine schlechtere Prognose haben. Es geht um eine exaktere Betrachtung aller Geschlechter.

Warum wurde die Medizin so lange von männlichen Probanden dominiert?

Dies hat historische Gründe. Lange Zeit wurden Frauen im gebärfähigen Alter aus Sorge vor möglichen Einflüssen auf eine Schwangerschaft systematisch aus klinischen Studien ausgeschlossen. Man ging zudem fälschlicherweise davon aus, dass die Ergebnisse von männlichen Probanden einfach auf Frauen übertragbar seien. Die Gendermedizin arbeitet daran, diese Wissenslücke zu schließen.

Wie beeinflussen Hormone wie Östrogen das Herz?

Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen hat eine schützende Wirkung auf die Blutgefäße. Es hält sie elastisch und wirkt sich positiv auf die Blutfettwerte aus. Dieser natürliche Schutz fällt nach der Menopause weg, weshalb das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen danach rapide ansteigt und das der Männer sogar überholt.

Sind die Normwerte im Labor für Männer und Frauen immer gleich?

Nein. Für viele Laborwerte gibt es unterschiedliche Normbereiche. Ein bekanntes Beispiel aus der Kardiologie ist das kardiale Troponin, ein Marker für einen Herzinfarkt. Hier gelten für Frauen niedrigere Grenzwerte, da sie bei einem Infarkt oft geringere Mengen dieses Proteins freisetzen. Die Anwendung geschlechtsspezifischer Grenzwerte ist ein wichtiger Aspekt der Gendermedizin.

Ich bin eine Frau und habe den klassischen Brustschmerz. Ist das möglich?

Ja, selbstverständlich. Die Gendermedizin arbeitet mit statistischen Häufigkeiten, nicht mit starren Regeln. Der „klassische“ Vernichtungsschmerz in der Brust ist auch bei Frauen ein absolut ernstzunehmendes Herzinfarkt-Symptom. Wichtig ist die Botschaft, dass bei Frauen zusätzlich auch andere, „atypische“ Symptome im Vordergrund stehen können.

Verändert sich die Gendermedizin mit dem Alter?

Ja. Während bei jüngeren Frauen die Hormone eine große Rolle spielen, gleichen sich nach der Menopause viele Risikoprofile an die der Männer an. Dennoch bleiben bestimmte Unterschiede, z.B. in der Anatomie oder im Stoffwechsel, ein Leben lang bestehen und müssen in der Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden.

Gibt es auch Unterschiede beim gesunden Altern?

Ja. Frauen leben im Durchschnitt länger, leiden aber im Alter häufiger an chronischen, nicht-tödlichen Krankheiten, die die Lebensqualität beeinträchtigen. Männer haben ein höheres Risiko, früher an schwerwiegenden Ereignissen wie einem Herzinfarkt zu versterben. Die präventiven Ansätze der Gendermedizin berücksichtigen diese unterschiedlichen Verläufe.

Ist Gendermedizin eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin?

Ja. Die geschlechtersensible Medizin ist heute ein etabliertes Feld der medizinischen Forschung und Lehre. Weltweit gibt es zahlreiche Lehrstühle und Institute, die sich mit diesem Thema befassen, und die Erkenntnisse fließen zunehmend in die offiziellen medizinischen Behandlungsleitlinien ein.

Wo finde ich als Patient verlässliche Informationen zur Gendermedizin?

Seriöse Quellen sind Universitätskliniken mit entsprechenden Instituten, die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (DGesGM) sowie patientenorientierte Informationen von Stiftungen wie der Deutschen Herzstiftung, die zunehmend über dieses wichtige Thema aufklären. Und natürlich im Gespräch mit Ihrem Arzt, der für dieses Thema sensibilisiert ist.

Personalisierte Medizin, die Sie als Individuum sieht

Die Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Gendermedizin ist für uns ein Ausdruck von Respekt vor der Individualität jedes einzelnen Patienten. Es ist ein entscheidender Schritt weg von einer „One-size-fits-all“-Medizin hin zu einer wirklich personalisierten Versorgung. In unserer Praxis können Sie sicher sein, dass wir Ihre Symptome und Befunde in dem für Sie relevanten Kontext bewerten, um Ihnen die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.

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